15 Jahre und mehr - Schloß Balmoral

Als Künstlerhaus feiert Schloß Balmoral die ersten 15 Jahre seines Bestehens. Diesem Teil der „Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur“ gratuliere ich besonders gerne. Die Anfänge des „Schloß Balmoral“ als Haus für die bildenden Künste aber reichen weiter zurück.
Ein paar Jahre zuvor: auf der Schaumburg bei Balduinstein hauste, so muss man fast sagen, der aus Ungarn stammende und nach Südamerika geflohene „Batuz“; ein Maler ganz besonderer Prägung.
Künstlerisch bewanderte Freunde hatten mich aufmerksam gemacht. Es gab – mit Käse und Wein – das eine oder andere Treffen auf der alten Höhenburg. Es war kalt und karg, ungemütlich und unwirtlich. Die äußeren Bedingungen aber waren bald vergessen. Batuz präsentierte das „Lahntal Painting“ – ein riesiges Gemälde des Lahntals aus der Vogelperspektive; der Fluss in der Landschaft als jener Riss, den man in den Gemälden von Batuz immer wieder findet. Das Gemälde hing da, in einem großen alten Gemäuer, dunkel und kalt, nur schwach beleuchtet, kaum zu erfassen. Man wurde gebeten, sich zu setzen und das schwache Licht verschwand gänzlich. Aber bald erschien das Bild mit seinen Farben wie im fahlen Mondlicht; dann in der allmählich aufgehenden Sonne, die zur imaginären Mittagszeit immer gleißender das „Lahntal“ erhellte und die Farben der Landschaft aus der Kälte des Mondlichts erst satt, dann fast wie brennend verwandelte – um kurz darauf in die abendliche Milde einer untergehenden Sonne zu tauchen. In kurzer Zeit hatte die aus dem Koblenzer Stadttheater entliehene Beleuchtung dem „Lahntal“ alle Farben, alle Facetten, alle Eindrücke eines imaginären Tages und seines Lichts anverwandelt. So hatte ich den Fluss meiner Kindheit, meiner Radtouren und meiner sommerlichen Paddeltouren, so hatte ich das liebliche Tal der Lahn noch nie gesehen.
Unsere Gespräche waren angeregt, ob jetzt auf der Schaumburg oder in der Wilhelmstraße in Lahnstein, ob bei Freunden oder bei potentiellen Sponsoren. Batuz war fordernd, chaotisch, schöpferisch, von sich überzeugt, manche mitreißend, andere vor den Kopf stoßend. Aber er hatte eine Idee – „Schloß Balmoral“. Das hatte er gesehen, beim Fahren durch Bad Ems, irgendwann von Lahnstein auf die Schaumburg: leer, runtergekommen, vom endgültigen Verfall bedroht, eine morbide Schönheit.
Irgendwann später gab es eine Sitzung in Bad Ems, mit Landrat Danco und einigen wenigen anderen im Dienstzimmer des Landrats. Gerd Danco gab einen Tipp – die Kulturstiftung der Nassauischen Sparkasse. Das Gespräch vom Nebenzimmer mit deren damaligen Chef, Karl Kauermann, erinnere ich gut. Nach kurzer Debatte stand eine Zusage; ein schöner Betrag und ein Startschuss für die Herrichtung von „Schloß Balmoral“ als Haus für Künstler, nicht nur für einen (wie Batuz dachte), sondern als Ort des internationalen Austauschs und für junge Künstler; anders wäre Balmoral wohl, seiner historischen Bausubstanz zum Trotz, der Spitzhacke und dem Bau der Umgehung in Bad Ems zum Opfer gefallen; ersetzt von einem der profitableren Mietbauten oder Eigentumswohnungen nach dem Motto: quadratisch, praktisch, häßlich.
„Balmoral“ verdankt sich einem Zufall – und dem Ideenreichtum einiger, die etwas erhalten und gleichzeitig Neues auf den Weg bringen wollten. Das Ensemble längs der Wilhelmstraße in Bad Ems ist ja nicht frei von Brüchen, aber mit „Balmoral“ behält es doch einen historischen Markstein großer Qualität. Tradition meint nicht, eine Asche bewahren – sondern eine Flamme weiter tragen; in alten
Mauern kann Neues wachsen, das sich auf Kultur und Geschichte eines Ortes und eines Hauses bezieht, sich anregen lässt und anregt; Bad Ems hat nicht nur wegen seiner früheren russischen Gäste, wegen der „Depesche“ oder dank Adolf Reichwein eine reiche Geschichte, die zu erinnern, zu pflegen und zu entwickeln ein Ansporn war – und bleiben sollte. „Balmoral“ gehört dazu und sicher können sich die Einheimischen freuen über ihre Gäste aus nah und fern; denn diese Gäste werden Bad Ems und „Balmoral“ mitnehmen, hinaus in die Welt und in ihre Heimat, als gute Erinnerung und als Ansporn.
So war es gedacht – und es ist schön, dass es so auch geworden ist.

Als ich 1991 Ministerpräsident unserer Heimat Rheinland-Pfalz werden durfte, habe ich viel mitgenommen aus meiner engeren Heimat, dem Rhein-Lahn-Kreis mit Lahnstein, Bad Ems und allen anderen. Die Aufgaben in Mainz waren vielfältig: die Truppen aus Frankreich zogen ab, die der amerikanischen Freunde wurden drastisch reduziert – wir mussten neue Wege und Möglichkeiten finden für rund hunderttausend Menschen und ihre künftigen Arbeitsplätze; unsere Wirtschaft stand vor neuen Herausforderungen, im glücklich vereinten Deutschland und im größer werdenden Europa; vor allem die Kinder sollten bessere Möglichkeiten bekommen, mit Kindergärten überall und mit besseren Schulen – das alles erforderte Aufmerksamkeit und Geld. Alle Minister wollten also etwas haben, als wir die Landesbank verkauften. Mit dem Erlös von 750 Millionen Mark wollte ich aber etwas Dauerhaftes schaffen; etwas, das den jährlichen Haushalte ein Stück entzogen wird; das hinausragt über die wirtschaftliche Notwendigkeit oder die Zwänge des Alltages, das den Blick öffnet, Mut und Freude macht – wie „Balmoral“, wie das Haus für die Literatur in Edenkoben, wie die „Villa Musica“ oder das „Kahnweiler-Haus“ in Rockenhausen für die Malerei, also Heimstätten in Rheinland-Pfalz für Malerei, Musik, Literatur und bildende Kunst. So entstanden auch der Kultursommer Rheinland-Pfalz und die „Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur“ (nicht zu vergessen: natürlich haben wir auch die neue Investitions und Strukturbank geschaffen, die sich um Innovation und Handwerk und Mittelstand kümmert; oder die Finanzgrundlagen gelegt für neue Hochschulen und für weitere Maßnahmen der Umwandlung militärisch geprägter Teile des Landes in neue Chancen).
Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt. Natürlich gehört zu jeder guten Politik der sorgfältige Umgang mit den Steuergeldern. Wie bei jedem guten Kaufmann muss die Bilanz stimmen. Bilanz, das ist aber mehr als Einnahmen und Ausgaben, im Unternehmen wie in der Politik. Zum Reichtum gehören viel mehr als die materiellen Möglichkeiten. Aber die Lebenserfahrung sagte mir schon damals: viele denken zuerst an die Kultur, wenn Ausgaben kritisch überprüft, wenn gespart werden muss. Musik und Literatur, die Werke der Maler und Bildhauser – manche missverstehen leider Kunst und Kultur als bloßes Ornament.
Da war es klug, mit der „Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur“ diesen Teil unseres Reichtums und des guten Lebens dem jährlichen Auf und Ab der Wirtschaft und der Steuereinnahmen wenigstens ein gutes Stück zu entziehen. Das bereichert am Ende sogar Wirtschaft, Arbeit, Gewinnstreben und anderes, was zu dem materiellen Grundlagen des Lebens gehört. Denn sogar das Wirtschaften kommt nicht aus ohne
eine Kultur der guten Sitten, wie man in jüngster Zeit eindrücklich erfahren konnte. Wir hatten einmal als sozialdemokratisch gesinnte Menschen vor gut zwanzig Jahren eine Kulturreihe in Rheinland-Pfalz veranstaltet, der Hanns Dieter Hüsch das Motto gab: „.. dass die Erde Heimat werde für alle Welt“.
Ich wünsche also „Schloß Balmoral“ und den Menschen, die dort wirken, eine gute Heimat mit und in
Bad Ems sowie eine gute Zukunft.


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