Interviews

Interview mit Karsten David Schmitte

INTERVIEW MIT DAVID SCHMITTE IM März 2007
von Danièle Perrier

David Schmitte, Sie haben die Großzügigkeit, ein Benefizkonzert zugunsten der Projekte des Künstlerhauses Schloß Balmoral, Bad Ems zu geben und noch dazu Bernard Demierre am Piano mit zu implizieren. Im Vorfeld des Konzertes, das am 10. März im repräsentativen Marmorsaal in Bad Ems stattfinden wird, möchte ich Sie vorstellen und auch hören, was Sie über die Werke, die Sie interpretieren werden persönlich zu sagen haben.

DP:
Fangen wir mit Ihnen an: Sie leben in Basel und Genf, wo Sie demnächst eine Professur für Violine am Conservatoire de Musique aufnehmen werden. Doch Ihr Name ist in der Gegend nicht unbekannt. Welche Verbindung gibt es zum Rheinland?
DS:
Mein Vater war früher Solobassist in der Rheinischen Philharmonie: Ich bin daher in Koblenz aufgewachsen. Mit vierzehn habe ich bei Profossor Igor Ozym an der Musikhochschule Köln studiert.
DP:
Wie sind Sie zur Violine gekommen?
DS:
Über meinen Vater, der mir schon früh die Möglichkeit gab, Violine zu studieren.

DP
Sie haben u.a. Privatunterricht bei Yehudi Menuhin genommen. Wie kommt man dazu?
DS
Über einen Zufall. Bei einer Yogaausbildung, die ich in Basel genossen habe, brachte mich ein sehr bekannter Schweizer Geiger in Verbindung mit Yehudi Menuhin in Gstaad. Das empfinde ich als ein großes Glück, ein wahres Geschenk, denn es ist nicht leicht, an ihn heran zu kommen.

DP:
Nun weiß ich, dass Sie neben der Musik selbst auch Yoga unterrichten. Das erinnert mich daran, dass Yves Klein z.B. Judo unterrichtete und dass Zen Buddhismus für viele Künstler eine große Rolle spielte, so bei Cage. Gibt es für Sie Verbindungen zwischen Yoga und Musik, oder besser gesagt, deren Interpretation?
DS:
Yoga ist Kraft und Fluss im körperlichen Dasein, die ich gerne auch dem Resonanzkörper der Geige übertragen möchte: eine Symbiose zwischen Kraft, Muskelanspannung, Beweglichkeit und Atmung. Musik ist Atmung.

DP:
Sie spielen eine Guarnieri. Was ist die besondere Eigenschaft dieser Violine, die faktisch zeitgleich mit den Stradivari entstand?
DS:
Das Besondere ist vor allem, dass ich, dank der Großzügigkeit eines Zürcher Banquiers, dessen Tochter ich unterrichte, dieses wunderbare Instrument geliehen bekommen habe und darauf spielen darf.

DP:
Nun zu den Werken: Mit Niccolò Paganini verbindet der musikliebhabende Laie die Virtuosität par Excellence. Er war selbst Violinist und hat bekanntlich extrem schwierige Techniken eingeführt. Wie wirkt sich dies auf die Klangstruktur aus?
DS:
Das ausgewählte Werk ist ein schwieriger Andante. Doch wenn die Koordination zwischen Bogen, rechter Hand und linker Hand deckungsgleich, einwandfrei studiert und trainiert sind, gibt es keine Beeinträchtigung des Klanges. Wenn die Technik stimmt, kann sich der Zuhörer auf die wunderschöne Musik konzentrieren. Um die Technik der Musik von Paganini hat man meines Erachtens viel zu viel Wahn und Mythologie betrieben.

DP:
Mozart vertritt den Inbegriff der Leichtigkeit ohne an Tiefe einzubüßen. Seine Sonate für Klavier und Violine KV 454 ist in den 80er Jahren entstanden, ich glaube, 1783 als er in Wien lebte. Die Sonate zählt zu seinen Meisterwerken. Was ist für Sie das Besondere an diesem Werk? Was verkörpert es?
DS:
Eine große Oper.

DP:
Das ist erstaunlich. Wie meinen Sie das?
DS:
Viele Opernteile werden in Sonaten wieder dargestellt. Die Stimmung dieser Sonate ist jener der Arie „Reich mir die Hand zum Bunde“ von Don Giovanni zuzuordnen.

DP:
Schubert wird von der Romantik vereinnahmt. Er war aber ein großer Revolutionär in Sinne der Erneuerung der Musik. Selbst Schönberg sagte von sich, er wäre nur ein kleiner Revolutionär im Verhältnis von Schubert. Nun müsste die Sonate D-Dur D384 von der Nummerierung her zum Frühwerk gehören. Lassen sich hier bereits besondere kompositorische Neuerungen feststellen?
DS:
Ja, vollkommen richtig, es ist ein Frühwerk. Grundsätzlich lässt sich von Schuberts Musik sagen, dass sie mit einer bestimmten Art zu Leben und dieses zu genießen zu tun hat. Sie spiegelt ein gepflegtes Dasein wider, die Genüsslichkeit des Essens und Trinkens, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ausschließlich Sache der Oberschicht war; damals war auch die Mittelschicht dieser genüsslichen Lebensart zugetan. Schubert ist ein Erneuerer der Musik auch in dem Sinne, dass er für diese Mittelschicht geschrieben hat und von ihr verstanden und gepriesen wurde.
DP:
So gesehen, gehört er zu den frühen Protagonisten des Biedermeiers.
DP:
Brahms wird oft als konservativer Komponist angesehen und somit Liszt und Wagner gegenüber gestellt. Doch Schönberg (nochmals er) beruft sich sowohl auf die Musik von Wagner und Liszt als auf Brahms. Wo liegen die Qualitäten von Brahms? Die Struktur? Die Architektur?
DS:
Brahms’ Musik ist ein Klang, der einfach nicht aufhört. Brahms verkörpert das Streben nach unendlichem Klang, nach Weite, aber auch nach Schwere und Erdverbundenheit. Es ist eine Musik, die in der Innerlichkeit blüht. Sie ist aber auch der Inbegriff eines ständigen Aufwühlens, des Strebens nach Erneuerung von Klang. Dabei kommt die Genusssucht von Brahms, der gerne Zigarren rauchte und schweren Wein trank, zum Ausdruck. Nicht die feine, Genüsslichkeit von Schubert, sondern die Genussucht, die nicht loslässt, wird hier angesprochen.

DP:
Was berührt Sie an Brahms Violinsonate A-Dur, Opus 100?
DS:
Es ist die Meistersingersonate. Sie verkörpert eine Symbiose zu Wagner. Es handelt sich um eine unheimlich gesangliche Sonate: Die Stimme ist in großen Bögen, in großen Linien geführt. In der Suche nach neuem Klang hat sie etwas Aufwühlerisches, eine satte Schwere, der etwas Rituelles anhaftet und auf die guten Genüsse des Lebens anspielt. Auf der anderen Seite gibt es eine fast unheimliche Helligkeit, Licht. Für mich ist diese Sonate bildlich dargestellt wie ein verhangener Tag im Burgenland und auf einmal kommt die Sonne auf und man entdeckt die unendliche Weite - Klangweiten, die Klangwelten eröffnen.

DP:
Nun kommen wir zum Concert surprise: Es liegt mir fern, Ihnen das Geheimnis dieses Teiles entlocken zu wollen. Wollen Sie uns verraten, was uns erwartet?
DS:
In diesem Teil werden wir ganz spontan als Reaktion auf das Publikum spielen.

DP:
Ich danke für das Interview und freue mich auf das Konzert.


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