Erlebnisse

Im Frühjahr 2008 gastierten drei PhD Künstler der University of the Arts in London, die von der Chelsea Stipendiatin Sigune Hamann, die 2007 in Bad Ems weilte, ausgesucht wurden. Es waren Eva Bensasson, Fotografin, Nico Rocha, Bildhauer, der von seinem Sohn Theo begleitet wurde, und J. Milo Taylor, Klangkünstler. In Anbetracht dessen, dass in London Raum ein absoluter Luxus ist, genossen sie es, über ein großes Atelier zu verfügen.


Auf der Fahrt nach Köln Eva Bensasson, Nico Rocha und J. Milo Taylor

Wir unternahmen etliche gemeinsame Ausflüge. In Frankfurt besuchten wir die Ausstellung der Impressionistinnen in der Schirn, konnten dank der Freundlichkeit von Udo Kittelmann einen Blick auf den Aufbau der Ausstellung von Bernard Buffet werfen, besuchten die Ausstellung Pensée Sauvage – von Freiheit im Frankfurter Kunstverein und statteten zuletzt der Galerie Heike Strelow einen Besuch ab, wo ich die Ausstellung Beyond Nature kuratiert hatte. Götz Diergarten und Fides Becker, beide ehemalige Balmoral Stipendiaten, gesellten sich zu uns, und der Tag endete bei einem gemütlichen Abendessen mit Frankfurter Spezialitäten.


Der Geburtstagsfeier 2008 mit Teo Rocha, Margarethe Baron-Quirin, Natalia Schenkmann, Nico Rocha, J.Milo Taylor, Rainer Hoffmann, Brunhilde Müller und Danièle Perrier (v.l.)

An einem anderen Tag fuhren wir nach Köln und besichtigten den Kölner Dom mit dem Fenster von Gerhard Richter. Natürlich schauten wir auch das Gero Kruzifix und den Dreikönigsschrein sowie die wunderschönen anderen Skulpturen und Glasfenstern an, die in Stück Geschichte von Köln mitgeschrieben haben. Dann kam das Kolumba Museum an die Reihe, das nach jahrelanger Planung und Arbeit von den Studenten der RWE unter Führung des Stararchitekten Peter Zumthor 2006 Richtfest feiern konnte. Schon allein die Art, wie man dort empfangen wird – ein Wächter öffnet einem die schwere Eingangstür mit einem freundlichen Lächeln – stimmt einem positiv. Und der Bau ist ein Erlebnis. Bei der modernen Kunst, die bewusst nach dem Kriterium des Sakralen ausgesucht wurde, um im Dialog mit den alten kirchlichen Beständen zu stehen, kann man unterschiedlicher Ansicht sein; dennoch bleibt der Gesamteindruck sehr positiv.
Die letzte Station dieses Tages war das Museum Ludwig, wo uns Bodo von Dewitz, Leiter der Fotoabteilung der Ludwig und Agfa Sammlungen, erwartete. Er erzählte, wie er in zwanzig Jahren die Position und Stellung der Fotografie zu verändern vermochte, so dass sie heute als gleichwertiges Kunstmittel angesehen wird wie die Malerei oder eine andere Gattung der sogenannten hohen Künste. Da leider die Mondrian Ausstellung gerade abgebaut worden war, schlenderten wir noch ein wenig durch die Galerien und fuhren heim.

Kurz vor Schluss des Aufenthaltes der Londoner Gäste zeigten wir ihnen noch die Gegend: Zunächst ging es zur nahe gelegenen Marksburg, und dann fuhren wir den Rhein aufwärts Richtung Loreley, die uns als eines der größten Attraktionen der Luminale gepriesen wurde. Auf dem Wege machten wir Halt in Boppard, wo wir beim Kunstverein Halt machten. Ganz per Zufall kam der Leiter vorbei, Uli Hoffelder, der uns dann durch die Ausstellung der Trierer Studenten führte. Anschließend besichtigten wir die Lichtspiele in der Kirche von Oberwesel. Schön, ein bisschen kitschig, jedoch schien es der Orgelmusik zu folgen. Nachdem es immer noch zu hell war, um die im Rahmen der Luminale beleuchtete Loreley zu sehen, machten wir Halt in einem historischen Keller, wo uns die Wirtin so freundlich empfing, dass wir bis Mitternacht blieben. Auf dem Rückweg sahen wir dann endlich die mit mysteriösen Linien und Zeichen überschriebene Loreley, als hätte man sie mit Kreide überarbeitet.
Kaum zu glauben, dass uns die drei Künstler zum Abschied noch mit einer Ausstellung, die das ganze Haus in Beschlag nahm, beschenkten. Die Drahtnetzskulpturen von Nico Rocha nisteten sich in den unerwartetsten Ecken ein und gaben den Raum neue Dimensionen, Eva Bensasson zeigte viele Ansichten von Bad Ems, die mit dem Fischauge aufgenommen, uns in fremde Weltenversetzten. Man muss sagen, dass in diesem Monat März das Wetter verrückt spielte und Schnee, Nebel, Regen in Strömen mit sonnigen Abschnitten wechselten, was für die Fotografin das Einfangen einer Vielfalt von Stimmungen ermöglichte.

Milo Taylor produzierte eine poetische Klanginstallation: in der Nacht leuchteten blaue Körper – umgekehrte Eimer, auf denen ein paar Tropfen Wasser lagen. Durch den Klang bewegt, projizierten diese kleine amöbenartige Forme an die Decke, die sich dort wohl zu fühlen schienen.

Da Publikum der Offenen Ateliers dankte den Künstlern mit sehr anregenden Gesprächen und der Mittelrhein TV kam unerwartet und filmte das Ganze. Ein schöner Abschluss für diesen sehr ereignisreichen Monat.

Ein paar Tage später kamen die neuen Stipendiaten: zunächst Liliana Basarab, Hermine Anthoine, Ins A Krmminga, Daniel Schürer und etwas später Karen Scheper de Aguirre und Peter Pommerer. Beim warming up, der ersten offiziellen Vorstellung der Stipendiaten, machten wir einen Rundgang durch die Ateliers, wo bereits erste Arbeitsproben zu sehen waren. Zur großen Überraschung unserer Gäste wurden sie von den Stipendiaten bekocht. Es gab eine schwäbische Hochzeitssuppe, Rhabarberkuchen und viele weitere Köstlichkeiten. Alle, Gäste wie Künstler, waren hoch zufrieden.

14 Tage später eröffnete Daniel Schürer seine Galerie Via 113, eine Dependance des Kunstvereins Via 113 in Münster. Viele Aktivitäten der Galerie Via 113 lassen sich auch schon von weitem wahrnehmen. So erhielt das Künstlerhaus bereits zwei eigens für es kreierte Fahnen, manchmal werden Kreidezeichnungen auf den kleinen Vorplatz am Treppenabsatz gemalt, die mit dem nächsten Regen wieder verschwinden und seit kurzem zieht eine langgestreckte Tafel die Passanten und die Zuggäste zum Sinnieren an. Wer aufmerksam lauscht, kann manchmal eine einsame, sehr schöne und traurige Glocke hören.

Hermine Anthoine und Liliana Basarab arbeiten oft bei der Firma Ebinger, und wir sind schon ganz neugierig, was sich daraus ergeben wird. Auch die beiden anderen arbeiten im Stillen in ihren Ateliers. Peter Pommerer zeigte mir vor kurzem eine Bilderfolge, die er für ein Kinderspital in Japan gemacht hat. Manchmal höre ich Musik von Karen und weiß, dass sie dabei an ihren Büchern komponiert. Aber was sie wirklich machen, soll hier noch nicht verraten werden. Das wird die geplante Ausstellung am 26. Oktober zeigen.

Vor ein paar Tagen fuhren wir gemeinsam zum ZKM, wo Chantal Blatzheim, die einen Projektraum in Köln führt und bereits Hermine Anthoine dort ausstellte, die Ausstellung Streng verdaulich. Die Atmosphäre dort war jung und frisch. Dazu trug auch die sehr schräge Performance von TULIP – die singende Tulpe (Holger Stehen) bei. Abgesehen davon, dass auch ich junge Kuratoren über unsere Stipendiaten kennen lernte, mit denen wir sicher ein Netz spinnen werden, war es wieder einmal Anlass zu einem gemütlichen Beisammensein. Es wurde spät nachts als wir nach Hause fuhren, und hier möchte ich einmal einen herzlichen Dank im Namen aller an meinem Freund Rolf Weber aussprechen, der nicht nur den Schulbus für uns organisierte, sondern auch die ganze Zeit fuhr.


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